Straßennamen in der Kritik
23.01.2023 | Aktuelles
Schülerinnen und Schüler der Fachschule arbeiten am Projekt für politische Bildung

Sind Straßennamen für die Ewigkeit? Straßennamen stehen in Südtirol oft in der Kritik. Sie wurden und werden nach Persönlichkeiten, besonderen Daten und Orten benannt, die nach einer gewissen Zeit nicht mehr aktuell scheinen. Besonders in Bozen wird über verschiedene Straßennamen, wie zum Beispiel die Luigi-Cadorna- Straße, heiß diskutiert.
Die Schüler und Schülerinnen der 2. Klasse der Fachschule Neumarkt widmeten sich in einem mehrwöchigen Projekt diesem spannenden Thema. Im Oktober starteten sie mit ihren Recherchen in der Landeshauptstadt Bozen, wo sie sich mit Experten trafen und verschiedene Bauwerke des Faschismus besichtigten. Es war ein Eintauchen in die Geschichte Südtirols der letzten hundert Jahre.
Historischer Rückblick
Die Geschichte Südtirols nach dem 1. WK ist bewegt. Nach der Annexion 1919 an Italien folgt 1922 die faschistische Diktatur. Die Rechte der mehrheitlich deutschsprachigen Bevölkerung werden aufgehoben, die deutsche Sprache verboten. Dazu gehört auch die Umbenennung der deutschen Ortsnamen. Schlimme Jahre beginnen für die Südtiroler Bevölkerung. Die Unterdrückung lässt viele auf einen anderen Diktator hoffen: Hitler. Doch Hitler und Mussolini schließen 1939 einen grausamen Pakt: die Option. Die Südtiroler müssen sich entscheiden: Südtirol verlassen, ins Deutsche Reich auswandern und deutsch bleiben, oder in der Heimat bleiben und die italienische Sprache und Kultur annehmen. Die Besetzung Norditaliens durch die Nationalsozialisten 1943 bricht die Option und Auswanderungswelle ab. Nach dem 2. WK versuchen die Außenminister von Italien und Österreich 1946 eine Lösung für die schwierige Situation zu finden: eine Autonomie. Leider ist diese erste Autonomie nicht wie erhofft. Bombenanschläge und Attentate erschüttern Südtirol jahrzehntelang. Die UNO wird eingeschalten. 1972 wird das 2. Autonomiestatut verabschiedet. Die Situation in Südtirol verbessert sich. Doch erst 1992 kommt es zur offiziellen Streitbeilegung vor der UNO. Es kehrt Ruhe zwischen den Sprachgruppen ein, der Wohlstand wächst.
Wie sieht es heute aus?
Die Landeshauptstadt Bozen stellt in der Südtiroler Realität eine Ausnahme dar: hier ist die Mehrheit der Bevölkerung italienischsprachig, nur eine Minderheit deutschsprachig. Die Stadt hat sich verändert, kulturell, architektonisch und politisch. Wie in anderen Städten Europas leben in Bozen viele Menschen aus anderen Ländern. 2019 war ihr Anteil an der Stadtbevölkerung 15%. Die meisten davon stammen aus Albanien, Marokko, Pakistan, Rumänien, China und Moldawien. 100 Jahre nach der Machtergreifung der Faschisten unter Mussolini übernahm im Oktober 2022 eine neofaschistische Partei die Regierung in Italien. Gerade deshalb setzten sich die Schüler und Schülerinnen mit verschiedenen Straßennamen und mit den schwierigen Themen auseinander, an die sie erinnern.
Die Amba- Alagi- Straße
War der Amba-Alagi einfach nur ein Berg? Der Amba Alagi ist einer der höchsten Berge Äthiopiens. Vor diesem Berg führte das Königreich Italien 3 koloniale Schlachten. Jene von 1936 unter der faschistischen Herrschaft Mussolinis war besonders brutal. Die italienischen Truppen setzten Giftgas ein. Zehntausende Abessinier starben qualvoll, unzählige weitere wurden verstümmelt oder erblindeten.
Kurios: Der Name Amba- Alagi wurde 1956 von der Bozner Stadtregierung gegeben, also einige Zeit nach dem Kolonialismus Italiens. Der Name ist heute einigen ein Dorn im Auge, auch Landesrat Philipp Achammer würde eine Umbenennung begrüßen. „Gerade in dieser Amba-Alagi-Straße hat die deutsche Bildungsdirektion ihren Sitz. Weil Bildung ganz wesentlich zur Überwindung von Extremismen beitragen kann, sollte diese Straße auch einen anderen Namen verdienen,“ schreibt die Neue Sudtiroler Tageszeitung am 1.10.2022.
Luigi- Cadorna- Straße
Nun wenden wir uns einer anderen wichtigen Straße Bozens zu, die aus heutiger Sicht den Namen eines Kriegsverbrechers des ersten Weltkriegs trägt: Graf Luigi Cadorna- der Todesgeneral. Marschall Graf Luigi Cadorna war Chef des italienischen Generalstabes im Ersten Weltkrieg. Aufgrund seiner sinnlosen Grausamkeit und Brutalität im Krieg, wurde ihm 1917 das Oberkommando über die italienischen Streitkräfte entzogen.
Später unterstützte Cadorna die faschistische Bewegung Mussolinis. Mussolini rehabilitierte Cadorna 1924 und beförderte ihn. Er ließ ihm 1932 ein monumentales Mausoleum am Ufer des Lago Maggiore errichten. In Italien sind ihm noch heute mehrere Straßen, Plätze und Denkmäler gewidmet. Nicht nur in Bozen gibt es Bestrebungen, die nach ihm benannten Straßen umzubenennen, weil er in seiner rücksichtslosen, blutigen Kriegsführung kein Vorbild sein könne. Bürgermeister Luigi Caramaschi schreibt „Luigi Cadorna bleibt eine umstrittene und kontroverse Figur in der Geschichte des Ersten Weltkriegs und Italiens und es ist meine Absicht eine Änderung des Straßennamens vorzunehmen.” Er ist nicht allein mit seiner Meinung.
Siegesplatz
Der Siegesplatz in Bozen erinnert an den Sieg Italiens über Österreich im Ersten Weltkrieg und an die Annexion Südtirols. Viele deutschsprachige Südtiroler verbinden damit negative Erinnerungen.
Vor 20 Jahren wurde in Bozen der Siegesplatz in Friedensplatz umbenannt. In einem Referendum, das von der postfaschistischen Partei Alleanza Nazionale organisiert wurde, entschied sich die Mehrheit der Bozner Bürger für die Rückbenennung in Siegesplatz. Es war eine große Enttäuschung für die Stadtregierung und für die deutschsprachigen Bozner Bürger. Anscheinend war die Zeit für den Friedensplatz noch nicht gekommen. Wie ist die Stimmung heute?
Luigi Caramaschi erklärte den Schülern und Schülerinnen „eine Abänderung von Namen bereits bestehender Straßen muss sehr gut begründet sein. Die Umbenennung ist zudem ein sehr sensibles Thema, das komplexer Überlegungen bedarf. Die Straßennamen sind meist Ausdruck jener Epoche, in der die Benennung durchgeführt wurde. Für die Zukunft werden sehr wohl Überlegungen vorgenommen, einige Abänderungen durchzuführen. Dies erfordert eine Diskussion, an der Vertreter verschiedener Sprachgruppen einbezogen werden müssen, denn allen Argumentationen gilt Beachtung zu schenken.”
Die Meinung der Schüler und Schülerinnen- Wissen macht Stark
Wenn man den Namen einer Straße ändern will, ist es bürokratisch sehr viel Aufwand, vor allem für die Bürger, die dort wohnen. Daher sollte man sich viel Zeit nehmen, um geeignete Namen zu wählen.
Es wäre auch sinnvoll, die Umbenennung kritischer Namen zu erleichtern, da Straßennamen nicht immer für die Ewigkeit sind. Einige von den Schülern und Schülerinnen würden neutrale Namen für die Straßen verwenden, wie z. B. Parkstraße oder Bahnhofstraße. Sie sind zwar langweiliger, können aber nicht politisch missbraucht werden.
Interessant finden die Schüler und Schülerinnen auch die Möglichkeit, mit Gedenktafeln an Straßen oder Plätzen, auf wichtige Themen in der Gesellschaft hinzuweisen. Dies wurde in Bozen bereits gemacht, um an die Opfer des Holocaust zu erinnern. Auch das Siegesdenkmal in Bozen und das Mussolini- Relief wurden durch Gedenktafeln und Zitate politisch und geschichtlich aufgearbeitet. So können sie als Mahnmal gegen die Folgen totalitärer Diktaturen gelten.
Außerdem sollten auch mehr bedeutende Frauen für die Benennung von Straßennamen verwendet werden, um den Stellenwert der Frauen in der Gesellschaft etwas auszugleichen.
Alles in allem war es ein sehr lehrreiches und interessantes Projekt, mit dem sich die Schülerinnen und Schüler noch weiter befassen werden. Ein Podcast zum Thema wird noch ausgearbeitet.
Mach mit- Umfrage zum Thema „Straßennamen in der Kritik“ QR-Code

